Digitalisierte Trailer-Komponenten

Von Heavy Metal zu transparenten Warenbewegungen

Wie ein Zulieferer für die Nutzfahrzeugindustrie die Logistik von morgen umgestalten will.

Das BPW Innovation Lab

Ein Lkw-Anhänger-Achsenhersteller wird zum digitalen Vorreiter in der Logistik – eine Geschichte, wie sie möglicherweise nur die digitale Transformation schreiben kann. Aber wer schreibt diese Geschichte? Und vor allem: Warum? Für Marcus Sassenrath ist Veränderung das normalste auf der Welt, auch in einem Unternehmen mit einer 120-jährigen Geschichte. Veränderungskompetenz, so der CDO, sei der entscheidende Erfolgsfaktor für die Digitalisierung.

Jetzt arbeitet der Digitalisierungsverantwortliche von BPW gemeinsam mit einem Team im eigens geschaff enen Innovation Lab am „Internet of Transport“ an der Realisierung einer Vision der Logistik von morgen. In Partnerschaft, gemeinsam mit klassischen und aber auch mit komplett neuen Kunden. Vollkommen neue Geschäftsmodelle sollen auf diesem Weg entstehen – und sollen BPW Bergische Achsen in ein neues Kapitel der Unternehmensgeschichte führen.

Im Gespräch mit RFID im Blick gibt Marcus Sassenrath detaillierte Einblicke in die digitale Strategie des Unternehmens und begründet, warum BPW bereits heute ein „Digitaler Champion“ ist.

Zuständigkeit für transportierte Güter

BPW Bergische Achsen entwickelt und produziert seit 1898 am Unternehmenshauptsitz in Nordrhein-Westfalen Fahrwerkssysteme für Nutzfahrzeuganhänger. Seit sich der weltweit aktive und über Tochtergesellschaften international aufgestellte Zulieferer dazu entschied, auf digitalisierte Prozesse zu setzen, hat sich auch die Unternehmensstrategie weiterentwickelt. „Inzwischen steht auch der Laderaum des Anhängers bei immer mehr Aktivitäten von BPW im Fokus. Schließlich wird der eigentliche Zweck der Lkw-basierten Logistik im Laderaum erfüllt: Güter von A nach B bewegen - und zwar sicher und effi zient“, so Marcus Sassenrath.

Und dieser Transport der Güter wurde in den vergangene drei Jahren intensiv analysiert – mit dem Ergebnis, dass sich der Kunden Fokus von BPW ebenso erweitert wie das Dienstleistungsspektrum des Unternehmens. „Wir konzentrieren uns mit unseren Angeboten verstärkt auf die Kunden, die beim Fahrzeughersteller einkaufen. Das sind die Fahrzeugbetreiber oder etwas handlicher: die Speditionen. Sie sind es, die unsere Achse und unsere Komponenten explizit spezifi zieren, wenn sie ein neues Fahrzeug kaufen.“

Vor rund anderthalb Jahren wurde der Kundenfokus nochmals erweitert – auf die Versender und Empfänger der Fracht, die über den BPW-Achsen transportiert wird. Noch in 2018 wird BPW erste digitale Lösungen für den Transportprozess präsentieren, von denen sowohl die Speditionen als auch die Warenversender und -empfänger profi tieren werden.

Zum Phoenix aus der Asche werden – Destruktion als Konzept

Aber was macht BPW heute bereits anders als Marktbegleiter? „Wir haben uns destruktive Konzepte angesehen. Haben analysiert, wie Unternehmen in bestehende Wertschöpfungsketten eindringen und diese aufbrechen. Die Plattform Airbnb sei ein Beispiel dafür, wie ein neuer Teilnehmer in eine bestehende Wertschöpfungskette eindringt – in den Buchungsprozess zwischen Endkunde und Vermieter – und ein vollkommen neues Geschäftsmodell kreiert. Das Neue wächst auf dem Bewährten: „ Natürlich behalten wir unser Kerngeschäft – die Entwicklung und Produktion von Fahrwerken und Komponenten für Nutzfahrzeuge – fest im Blick und liefern auch hier Innovationen: Die Digitalisierung unserer Produkte, beispielsweise durch die Integration von Sensorik, erweitert aber das digitale Spektrum von BPW“ so Sassenrath.

Mit dem „Internet of Transport“ neue Kundengruppen erschließen

Vergleichbar mit den Veränderungen in der industriellen Produktion im Rahmen von Industrie 4.0, sieht Marcus Sassenrath auch die Logistik vor umfassenden Veränderungen: Die Digitalisierung werde auch hier eine entscheidende Rolle bei der Umund Neugestaltung der Konzepte und Prozesse spielen. „Bislang hat sich BPW vornehmlich auf die Hersteller von Nutzfahrzeuganhängern konzentriert und innovative Produkte und Komponenten entwickelt und produziert. Mit den Frachtverladern – also den Versendern und Empfängern von Fracht – kommt für BPW eine vollkommen neue Kundengruppe hinzu – schließlich werden von ihnen die Transportaufträge vergeben.

Und sie haben ein großes Interesse an Informationen darüber, was mit ihrer Fracht geschieht. Um zu erkunden, was diese neue Kundengruppe bewegt, dafür wurde vor rund anderthalb Jahren das BPW Innovation Lab ins Leben gerufen.

„Unsere Vision ist das IoT – aber nicht als ‚Internet of Things‘, sondern als ‚Internet of Transport‘. Wir gehen zwar innovativ und mit kreativen Ideen an die Realisierung dieser Form des IoT, werden aber nicht nach den Sternen greifen, sondern arbeiten ganz konkret mit unseren Kunden und interessierten Verladern in Workshops an Lösungen für konkrete Probleme. So kristallisiert sich heraus, was die Unternehmen wirklich auf dem Weg von Gütern zwischen Warenausgang und Wareneingang beschäftigt. Dieser Weg ist für den Absender oftmals eine Blackbox. Diese Intransparenz und Informationsdefi zite zu beseitigen sehen wir im Innovation Lab als vorrangige Aufgabe an.“

Ein Start-Up im Konzern: das BPW Innovation Lab

In einer Entfernung von rund 40 Kilometern von der Unternehmenszentrale in Wiehl entfernt wurde das BPW Innovation Lab in Siegburg gegründet. Ein kleines Team arbeitet hier in freien Strukturen an innovativen Ideen und neuen Ansätzen. Ein erstes handfestes Ergebnis aus dem Lab befi ndet sich aktuell im Proof of Conzept mit insgesamt sechs Kunden und soll noch in 2018 zur Marktreife gebracht werden.

„Neue Geschäftsmodelle erfordern auch die passende Hardware. Deshalb werden wir in Deutschland einen aktiven Tracker auf den Markt bringen, mit dem es möglich ist, Position, Temperatur und Erschütterung der Fracht auf dem Transportweg über eine IoT-Plattform zu verfolgen. Dieser Tracker ist ein wichtiger Baustein für unser ‚Internet of Transport‘.“

Der auf dem Sigfox-Standard basierende Tracker soll Transparenz zwischen Warenausgang bei Versender und Wareneingang beim Empfänger herstellen. So wissen die Prozessbeteiligten jederzeit, wo die Fracht ist und ob sie rechtzeitig ankommt. Entscheidend für den Erfolg dieser Tracking-Lösung ist laut Marcus Sassenrath, dass der Tracker im Verhältnis zu auf dem Markt befi ndlichen Lösungen deutlich günstiger sein wird. Ein weiterer Vorteil wäre, dass mit der Verwendung des LPWANStandards Sigfox eine Batterielebenszeit von bis zu zwei Jahren möglich ist.

Elektromobilität und autonomes Fahren

Treiber für neue Digitalisierungsstrategien mit Blick auf Produktion aber auch auf die Logistik sind aus Sicht von Marcus Sassenrath die Elektromobilität und das autonome Fahren. „Insbesondere das Autonome Fahren wird den Verkehr, die Mobilität und damit auch die Logistik in einer disruptiven Art und Weise verändern. Die Elektromobilität und elektrische Innovationen in den Fahrzeugen werden dazu beitragen. So erforscht und testet das Mechatronik-Forschungslabor von BPW schon Sensoren und Algorithmen, durch die der Trailer der Zukunft sehen, hören, fühlen und kommunizieren kann.

Auf diese Weise optimiert der intelligente Trailer künftig seine Beladung, kontrolliert den Zustand seiner Fracht, schützt sich und andere vor Unfällen und Diebstahl. Dabei überwacht er seine Umgebung so rundum umsichtig, dass assistiertes, teilautonomes und autonomes Fahren möglich werden soll.“

RFID & Co. In der Produktion – auch bei BPW?

Dass zu einer Digitalisierungsstrategie nicht nur die Realisierung neuer Konzepte und Geschäftsmodelle gehört, liegt für Marcus Sassenrath auf der Hand. Auch die Produktion wird einem kontinuierlichen Prozess der digitalen Transformation unterzogen. „Unsere gesamte Produktion weist bereits heute einen hohen Vernetzungsgrad auf. „Ein Fehler im Prozess hat somit auch unmittelbare Folgen für die Produktion bei den Kunden. Somit liegt der Fokus in der Fertigung bei BPW heute bereits stark auf IT-gestützten Prozessen. Verkapselte RFID-Transponder zur direkten Integration in Bauteile oder Instandhaltungsunterstützung im Sinne einer Predictive Maintenance auf Basis von Sensorik sind Themen, die das Unternehmen untersucht.

„Ziel ist es, die Intelligenz in den Maschinen und den Produkten selbst zu steigern. In der Vergangenheit wurde bereits evaluiert, welche Benefi ts ein RFID-Chip direkt an der Achse und beispielsweise in den Lackieranlagen bei hohen Temperaturen hat. Die vollkommene Integration wäre die Ideallösung, um den Produktlebenszyklus transparent werden zu lassen“, sagt der Digitalexperte mit Blick auf mögliche Veränderungen in der Produktion.

Anja Van Bocxlaer
Anja Van Bocxlaer
Chefredakteurin und Konferenzmanagerin
Lüneburg, bei Hamburg, Deutschland
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