Standardisierung

Standardisierung für B2B in Logistik und SCM ist lückenhaft

OEMs und Zulieferer arbeiten bei der Implementierung von WIoT-Lösungen noch nicht Hand in Hand und lassen große Potenziale ungenutzt.

Potenziale bleiben (noch) ungenutzt!

Als international agierender Logistikdienstleister im Automotive-Bereich startet Schnellecke Logistics Pilotprojekte mit unterschiedlichen Technologien, um Unternehmensprozesse zu digitalisieren.

Obwohl das Unternehmen bereits gute Ergebnisse im Bereich Behältermanagement und AGVs erzielen konnte, können noch nicht alle Vororteile voll ausgeschöpft werden.

Karsten Keil, Vice President IT bei Schnellecke Logistics, stellt im Interview mit RFID im Blick die laufenden Projekte vor und fordert von OEMs und Zulieferern eine stärkere Zusammenarbeit bei Digitalisierungsprojekten für das Behältermanagement über die komplette Supply Chain.

Anja Van Bocxlaer
Anja Van Bocxlaer
Chefredakteurin
Lüneburg bei Hamburg, Deutschland
Jan Phillip Denkers
Jan Phillip Denkers
Stellvertretender Chefredakteur
Lüneburg, Deutschland

Herr Keil, wo steht Schnellecke Logistics bei der Digitalisierung und welche Schritte sind für die Zukunft geplant?

Wir befinden uns mitten in der Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle und planen eine datengetriebene Logistik bis 2025.

Derzeit realisieren wir Digital Twins von unseren Prozessen, um die volle Transparenz in den Real-Time-Ist- Zuständen zu erhalten. Das nutzen wir im nächsten Schritt, um in den Prozess optimierend einzugreifen. Zu diesem Zweck entwickeln wir Plattformen und Algorithmen für künstliche Intelligenz. Dabei streben wir nicht nur eine partielle, sondern eine ganzheitliche Optimierung über die gesamte Wertschöpfungskette an.

Um das zu erreichen, greifen wir einerseits Informationen aus dem System ab, andererseits unterstützen wir die Prozesse mit Sensorik für die Erstellung der Digital Twins. Beispielsweise haben wir ein Tracking für Just-in- Sequenz-Behälter realisiert, die von der Kommissionierung bis zum Einbau beim OEM oder First Tier getrackt werden können, ohne in die Infrastruktur des Kunden eingreifen zu müssen.

Unserer Schätzung zufolge können an dieser Stelle durch Digitalisierungsprozesse noch 15 bis 30 Prozent an Potenzial gehoben werden.

Als Logistikdienstleister profitiert Schnellecke Logistics von den Vorstößen der Automobilindustrie, die Zulieferer für den RFID-Einsatz zu qualifizieren. Welche Hürden gilt es auf dem Weg zu überwinden?

Für Schnellecke Logistics besteht der Hauptvorteil darin, dass das Tagging von Behältern beleglos abgewickelt werden kann. Da wir aber von den OEMs und deren Lieferanten abhängig sind, können solche Prozesse nicht auf Unternehmensebene allein implementiert werden. Die Durchdringung der VDA-Empfehlungen ist noch zu gering, um einheitlich für alle OEMs die Behälter mit RFID-Tags auszustatten.

Das hat zur Folge, dass die Lieferanten immer noch mit einem VDA-Papieranhänger arbeiten, die wir dann in der Annahme manuell einscannen müssen. Erst ab diesem Punkt können wir den Logistikprozess papierlos mit unseren Tags weitersteuern. Beim Lesen von Barcodes entstehen viele Lesefehler.

Wir plädieren dafür, dass der VDA und die OEMs Standards definieren, die besagen, dass alle Lieferanten die gleichen Tags mit den gleichen Informationen, der gleichen Semantik und Syntax verwenden. Davon profitieren alle Beteiligten in der Lieferkette.

Wen sehen Sie in der Pflicht, um die Standards durchzusetzen?

Der VDA arbeitet bereits intensiv an einer Normierung, aber durchgesetzt hat sie sich bislang nicht. VDA-Nachrichten für Eingangsmeldungen bestehen schon lange. Trotzdem haben wir heute eine Quote von gerade mal 50 Prozent, die sauber verarbeitet werden können – manche Lieferanten schicken gar keine.

Das liegt auch daran, dass das Sourcing nicht mehr nur in Deutschland stattfindet, sondern bis nach Ost- und Südosteuropa reicht, die über diese Technologie nicht verfügen oder noch nicht in sie investieren können.

Nutzt Schnellecke Logistics eine Mehrweg- Tag-Lösung, um von der internen Logistikinfrastruktur zu profitieren?

Ein solches System haben wir derzeit als Pilot auf der Agenda, aber es ist ein Mehraufwand, der zu unseren Lasten geht: Das Anbringen und Entfernen der Tags stellt zwei zusätzliche Arbeitsschritte dar, deren Effizienz sich erst beweisen muss.

Ideal wäre es, wenn der Behälter bereits im Pool mit einem Tag ausgestattet wird. Dieser kann dann für alle Beteiligten in der Supply Chain zum Tracken und Beschreiben genutzt werden.

Die Automobilhersteller positionieren sich in der Öffentlichkeit mit starker Ausrichtung auf das IoT. Erkennen die einzelnen Unternehmen in der Supply Chain den Mehrwert?

Auf jeden Fall. Alle Beteiligten haben inzwischen gemerkt, dass Digitalisierung nicht isoliert stattfinden kann. Vor ein paar Jahren hat jeder OEM für sich versucht, eigene Lösungen zu finden. Jetzt haben selbst die großen OEMs erkannt, dass sie ihre Schnittstellen und Systeme öffnen müssen und arbeiten daran.

Es entstehen immer mehr Kooperationen und Netzwerke, in die alle Unternehmen der Supply Chain eingebunden werden – auch wir als Logistikdienstleister. Das lässt darauf hoffen, dass es in Zukunft doch gelingt, dass die Branche Prozesse unternehmensübergreifend digitalisiert.

Wie und mit welchen Technologien erreicht Schnellecke Logistics ihre Digitalisierungsziele?

Wir nutzen Beacons mit unterschiedlicher Technologien und von verschiedenen Herstellern je nach Use Case. Darunter fallen Bluetooth- und WLAN-Beacons, aber auch ein Pilotprojekt über GPS-Tracking zur Behälterverfolgung Outdoor. In diesem Use Case arbeiten wir auch mit SigFox.

Im Bereich Sequenzierung und Modulmontage bieten wir eine taktgenaue Versorgung der Fabriken mit Materialien. Dafür nutzen wir eine höhere Frequenz im Bereich des Trackings der Sensoren.

Natürlich gibt es auch Anwendungen über lange Distanzen, wie beim CKD-Versand, bei dem das Material in Europa für den Versand nach Südafrika oder Südamerika verpackt wird. In diesem Fall ist es nicht notwendig, mehrmals in der Stunde den Sensor anzufunken, zwei oder drei Mal täglich ist ausreichend. Da unterscheiden sich die Anforderungen sehr zwischen den unterschiedlichen Anwendungen.


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