Modelogistik & EAS

LPP startet flächendeckende RFID-Einführung in 500 Fashion-Stores

Das polnische Fashion- Unternehmen LPP setzt auf RFID-Hard-Tags, um physischen Diebstahlschutz und Supply-Chain- Optimierungen zu erreichen – und das ist nur der Anfang des „RFID-Programms“.

LPP entwickelt sich von Fashion- in Richtung Retail-Technologie-Unternehmen

Mit fünf Brands, die in über 1.700 Stores verkauft werden, ist LPP in über 20 Ländern weltweit präsent. 2017 wurde ein großangelegtes RFID-Projekt ins Leben gerufen. Bis Ende 2019 sollen 500 Stores und das zentrale Distributionszentrum in Danzig fit für die RFID-Implementation sein. Aktuell wird der Einsatz und die Integrationsoptionen in drei Stores des Labels „Reserved“ getestet. Der geplante Rollout samt POS-Integration soll anschließend innerhalb von nur 13 Monaten abgeschlossen. Bei der Software setzt das familiengeführte Unternehmen auf Entwicklungen der eigenen IT-Abteilung.

Im Interview mit RFID im Blick sprechen Piotr Dopierala, Group Logistics Director, und Rafał Zaliński, General Manager EE Regional Development & Project Manager of RFID implementation bei LPP, nicht nur über den aktuellen Stand der Tests und die Entscheidung RFIDHard- Tags zu nutzen, sondern auch über die Schritte nach der Schaffung der RFID-Basis. Neben der Optimierung von Supply-Chain- Prozessen und der physischen Absicherung der Produkte in den Stores, blicken die Logistikexperten von LPP bereits jetzt auf Customer- Experience-Anwendungen wie Smart Mirrors in Umkleidekabinen.

Jan Phillip Denkers
Jan Phillip Denkers
Chefredakteur
Lüneburg bei Hamburg, Deutschland

1.700 Fashion-Retail Stores in über 20 Ländern

Seit der Gründung vor 27 Jahren wächst das Fashion-Unternehmen LPP kontinuierlich und betreibt allein in Polen fast 1.000 Retail-Stores. Das Unternehmen expandiert auch international: Vor allem in Osteuropa und Russland, aber auch in Westeuropa und Afrika sind in den letzten Jahren rund 700 Stores eröffnet worden. Global ist das Unternehmen mit dieser Strategie heute in 22 Ländern auf drei Kontinenten präsent und erwirtschaftete 2017 einen Umsatz von 16 Milliarden Euro Umsatz.

Die Erschließung neuer Absatzmärkte ist ein erklärtes Ziel. Insbesondere im Bereich Onlinehandel baut das Unternehmen weiter Infrastrukturen auf, um dem Bedarf der Kunden gerecht zu werden: Von 2016 auf 2017 ist der Online- Umsatz um 108 Prozent gestiegen.

Einmalige Implementation in Osteuropa

Um die selbstgesteckten, ambitionierten Expansionspläne sowohl offline als auch online zu erreichen, muss die gesamte Logistik auf ein neues Level gebracht werden, so Rafał Zaliński: „Mit der Zunahme des Online-Geschäftes ändern sich die Anforderungen an die bisherige Distributionslogistik. Um den Herausforderungen gerecht zu werden, erweitert LPP seinen Distributionszentren. Systemseitig liegt unser voller Fokus aktuell auf unserem RFID-Programm. Programm deshalb, weil es nicht nur einen einzelnen Bereich betrifft, sondern ganzheitlich Wirkung zeigen soll.“

Die Planung der großangelegten RFID-Implementation begann Anfang 2017 – insgesamt soll die Umsetzung nur zwei Jahre von der ersten Idee bis zum Projektabschluss dauern.

Piotr Dopierala, Logistics Director: „In Osteuropa gibt es kaum Implementationsprojekte in dem von LPP geplanten Umfang, erst recht nicht in dieser Größenordnung. Darum sind wir daran interessiert, unsere Erfahrungen mit anderen Firmen auszutauschen und durch diesen Prozess neue Anwendungsmöglichkeiten von RFID zu erschließen. RFID jetzt in den 500 Reserved-Stores und in den Logistikzentren zu integrieren, ist ein erster Schritt. Zunächst wird dieser Rollout es uns ermöglichen, unsere Prozesse zu optimieren und die Effizienz zu steigern. Aber letztendlich wollen wir auch ganz neue Möglichkeiten eröffnen, RFID im Fashion-Umfeld nutzbar zu machen.“

Implementation bis Ende 2019 in 500 Stores

Bei der Auswahl der RFIDTags hat sich LPP für wiederverwertbare Hard- RFID-Tags entschieden. Der Vorteil des Systems ist, dass es die Tags mit einem Sicherungssystem für die Kleidungsstücke kombinierbar macht, wie Rafał Zaliński erläutert: „In unseren Stores steht der physische Diebstahlschutz an erster Stelle. Somit sind Hard-Tags zur Warensicherung absolut gesetzt. Daher ist es für uns ein logischer Schritt, eine All-in-One-Lösung zu nutzen, die Warensicherung und RFID-Funktionalität in einem Tag vereint.“

Im März 2018 startete das Pilotprojekt in den drei ausgewählten Filialen, um vor der großflächigen Implementierung die Technik und Integrationsoptionen optimal auf die individuellen Bedürfnisse anzupassen. In den Pilot-Filialen sind 100 Prozent der Kleidungsstücke getaggt, sodass die Tests realitätsgetreu ablaufen können. „Wir befinden uns auch jetzt noch in der Pilotphase, werden diese aber Ende 2018 mit dem Start des Rollout beenden.

Bis dahin werden auch praktische Details der Integration gelöst, beispielsweise Überreichweiten in der RFID-Lesung zwischen Front- und Back-Store zu verhindern. Innerhalb der kommenden 10 bis 11 Monaten wird die Lösung dann vollständig in sämtlichen 500 Filialen unseres größten Brands ‚Reserved‘ implementiert sein.“ Die ersten Lieferungen der RFID-getaggten Ware für die Sommersaison 2019 aus den Produktionsstätten in Asien erwartet LPP im November 2018.

Sicherungssystem und Tagging in einem Programm

Codiert werden die RFID-Hardtags direkt im Distributionszentrum. Beim Wareneingang wird auf klassischem Weg nur die Stückzahl der Warenlieferung bestimmt. Sind die Waren dann vor Ort, kann das Codieren und damit der Rollout nach erfolgreicher Testphase realisiert werden. „Für das Codieren der Tags bereits direkt beim Bekleidungsproduzenten sehen wir ein großes Potenzial für die Zukunft, um auch die Kontrolle über die gesamte Supply Chain ab der Herstellung transparenter zu gestalten“, erklärt Piotr Dopierala geplante Systemausweitungen.

Während Marktbegleiter sich für Lösungen mit Paperback- oder Textil-RFID-Labeln entscheiden, werden bei LPP im Bekleidungssegment Hard-Tags implementiert. „Wir nennen es deshalb ein RFIDProgramm. Es ist mehr als ein isoliertes Projekt, weil wir zwei Prozesse zeitgleich implementieren – Warensicherung und In-Store- sowie Supply-Chain-Optimierung“, erläutert Rafał Zaliński.

Taggen in der Produktion, Codieren im Lager

Bei der Realisierung des RFID-Programms arbeitete LPP zusammen mit einem Spezialisten für die Upgrades in der Infrastruktur der Distributionszentren. Checkpoint Systems liefert die benötigte RFID-Hardware und Wissen für die RFID Prozesse. Auf der anderen seite hat Vanderland der Infrastruktur der Distributionszentren das nötige Update verpasst. Den Prozess beschreibt Rafał Zaliński: „Wir nutzen RFID-Tunnel, die über den Förderbändern in den Lagerzentren installiert sind.

Während die Boxen mit den Waren den Tunnel passieren, werden die Tags mit den für die Prozesse im Store benötigten Informationen beschrieben.“ Die im Lager notwendigen Installationen sind bereits abgeschlossen und einsatzbereit, sobald die ersten getaggten Güter eintreffen. „Selbst kleine Aspekte wie die Geschwindigkeit der Fördertechnik müssen exakt getestet und kalibriert werden. Es gibt dafür keine Blaupause, die wir komplett hätten übernehmen können“, erläutert Piotr Dopierala.

Das Anschießen der Tags bei den Lieferanten ist hingegen derzeit keine Herausforderung. „Die Anbringung ist unkompliziert und erfordert keinen zusätzlichen Mehraufwand auf Seite der Hersteller, solange keine Kodierung der integrierten RFID-Chips dort stattfindet.“

Cloud und POS-Integration im Store

Auf Store-Ebene soll das RFID-System unterstützen, den Warenbestand zu überwachen und zu optimieren. Mit einer Cloud, in der Daten aus allen Filialen geteilt werden, ist es für das Lagerzentrum möglich, in Echtzeit die Bestände zu überprüfen und proaktive Handlungen anzustoßen. Aber auch für die Verkäufer wird eine zielgerichtete Bestandsauffüllung vereinfacht. „Die Verkaufsmitarbeiter werden exakt wissen, wo genau sie die Waren im Backstore finden, die auf der Verkaufsfläche leergelaufen ist“, erklärt Rafał Zaliński die Vorteile.

„Unsere Stores so technisch so zu optimieren, dass eine ideale Umgebung für das Empfangen von Radiowellen entsteht, gehörte zur Entwicklungsarbeit in der Pilotphase. Auch die vollständige Kassenintegration ist ein wichtiger Aspekt, um Bestände so detailliert wie möglich im Blick behalten zu können.“ Zu Inventurzwecken werden in den Stores RFIDHandhelds eingesetzt. Um die Store-Mitarbeiter mit den neuen Technologien und Prozessen vertraut zu machen, hat LPP ein 70 Mann starkes Team von RFID-Trainern aufgebaut. Auch ein Trainingscenter in Danzig für die Store-Manager gehört zu diesen Fortbildungsmaßnahmen. Beim Taggen der Ware wird es zunächst einige Ausnahmen geben.

„Kleinere Gegenstände, wie Accessoires und Schmuck, werden wohl wegen der metallischen Beschaffenheit vorest nicht mit RFID-Tags gekennzeichnet. Für Schuhe werden in einem nächsten Schritt eigene Tags, vermutlich Soft-Tags, entwickelt. Das sind Details, um die wir uns nach dem Rollout kümmern werden. Alles in allem lässt sich festhalten, dass es nur einen sehr geringen prozentualen Anteil unserer Waren betrifft“, führt Rafał Zaliński aus.

Schritt von Fashion- in Richtung Retail-Technologie- Unternehmen

Piotr Dopieralas Einschätzung nach drängen aktuellen Marktentwicklungen Unternehmen in die Richtung, vermehrt auf innovative Technologien zu setzen. Um auch in Zukunft eine hohe Kundenzufriedenheit zu erreichen, werden vermehrt Investments in diesem Bereich notwendig, wie Rafał Zaliński erläutert: „Die Integration der RFID-Daten in unser ERPSystem war für uns eine möglicherweise geringere Herausforderung als vielleicht für einige unserer Marktbegleiter. Das verdanken wir einer gut aufgestellten ITAbteilung mit hunderten Mitarbeitern.

Bereits vor dem Start des RFID-Programms haben wir eine eigene Mobil-App entwickelt, die uns unterstützt, die Waren in unseren Läden zu managen. RFID ist jetzt die Basis, um dieses System zu optimieren.“ Die hauptsächliche Herausforderung, die es zu überwinden galt, sieht Piotr Dopierala in einem anderen Aspekt: „Wir arbeiten mit zahlreichen unterschiedlichen Akteuren zusammen. Ein einziges System zu finden, dass für alle Abteilung weitläufig funktionstüchtig ist, stand für uns im Fokus. Das ist der Grund, warum wir uns entschieden haben, uns so intensiv mit dem IT-Aspekt auseinanderzusetzen.“

Weitere Anwendungsideen in Planung

Auf Basis der Ende 2019 vollständig ausgerollten RFID-Infrastruktur plant das Unternehmen, auch weitere Teilprojekte umzusetzen. „In Zukunft planen wir, RFID-Antennen im Umkleidebereich zu installieren. Ziel ist es, zu messen welche Teile in die Umkleidekabinen gebracht wurden und welche Waren dann auch tatsächlich gekauft wurden und welche nicht. Auch ein Smart Mirror, der Kunden Empfehlungen basierend auf ihrer Auswahl gibt, lässt sich so realisieren“, blickt Rafał Zaliński auf zukünftige Anwendungsideen.

Piotr Dopierala führt aus: „Die Technologie ermöglicht auch ein optimiertes Omnichannel-Distributionssystem. Da wir zukünftig stärker an der Zusammenarbeit der Online-Shops und der physischen Stores arbeiten werden, erwarten wir von der RFID-Implementation Synergieeffekte in Form höherer Flexibilität und eines verbesserten Lieferservice an die Kunden.“ Der Aufwand, der jetzt für den großflächigen RFID-Einsatz betrieben wird, ist mit den Wachstumszielen von LPP begründet, so Piotr Dopierala: „Pro Jahr streben wir ein Wachstum im starken, zweistelligen Prozentbereich an. In neueröffneten Filialen soll RFID zum Standard gehören. Wir haben unsere zukünftigen Prozesse auf diese Entwicklung ausgerichtet.“


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